Prozessdokumentation: 18. Verhandlungstag (15.06.2016)

Geladen waren acht ZeugInnen, sieben davon Gäste der Feier oder Angehörige von Geschädigten.
Die Ausnahme: Christina H., die sich am Tatabend gemeinsam mit dem Angeklagten Steinau nach der Feier der Kirmesgesellschaft erkundigt hatte und gegen die deshalb zunächst ebenfalls ermittelt wurde. Sie gab vor Gericht an, mit Steinau verlobt zu sein und deshalb von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch zu machen.

Die erste Zeugin beschrieb die Dankesfeier, die die Kirmesgesellschaft für ihre HelferInnen ausrichtete – wie bereits viele Zeugen vor ihr – als einen schönen Abend. Sie habe viel Spaß gehabt und sei in der Nähe der Bar ein Gespräch vertieft gewesen, so dass sie den ersten Angreifer erst wahrgenommen habe, als dieser bereits den Raum betreten hatte und den ersten Gast attackierte. Dieser sei in Folge des Angriffs vom Stuhl gekippt oder gefallen. Sie selbst sei hinter der Bar in Deckung gegangen, habe die folgenden Ereignisse nur gehört und währenddessen bereits den Notruf gewählt und der Polizei beschrieben, dass ein unbekannter Angreifer Gäste der Kirmesgesellschaft attackiert habe. Als es im Saal ruhig wurde, sei sie wieder aufgestanden und in eine Art „Schockstarre“ verfallen, weil ihr gegenüber, auf der anderen Seite der Theke, ein maskierter Mann gestanden und sie angesehen habe. Ob es sich dabei um den ersten Angreifer handelte, daran erinnerte sich die 22-Jährige nicht mehr.

Sie sei dann die Treppe hinunter in den Vorraum gegangen und habe begonnen, dort verletzte Gäste zu verarzten, beziehungsweise erste Hilfe zu leisten. Kurz darauf seien weitere Verletzte aus dem Saal gekommen, die ebenfalls verarztet werden mussten.

Die zweite Zeugin gab an, zwar eine Einladung für die Feier erhalten zu haben, stattdessen aber ein Konzert besucht zu haben. Sie sei gemeinsam mit ihrem Mann gegen 02:10 wieder in Ballstädt angekommen. Daran erinnere sie sich, weil sie noch kurz darüber geredet hätten, noch in den Saal zur Feier zu gehen, sich aber auf Grund der Uhrzeit dagegen entschieden. Als kurz darauf im Ort die Sirene ertönte, habe ihr Mann, der bei der Feuerwehr sei, das Haus verlassen und sie kurz darauf angerufen und gebeten, schnell zum Saal kommen und ebenfalls den Verletzten zu helfen. Es sei furchtbar gewesen, wie es dort nach dem Überfall ausgesehen habe. Bereits als sie die Treppe in den Vorraum hinaufgegangen sei, habe sie überall große und kleinere Blutflecken und Scherben gesehen. Die Gäste, die noch dort und nicht auf Grund ihrer Verletzungen ins Krankenhaus transportiert worden waren, hätten auf sie einen verstörten Eindruck gemacht.

Auf dem Rückweg vom Konzert und später auf dem Weg zum Saal sei sie jeweils am sogenannten „Gelben Haus“ vorbeigekommen und habe festgestellt, dass auf dem ersten Weg der Hof erleuchtet gewesen sei, was ihr auffiel, weil es sonst im ganzen Ort dunkel war, und beim zweiten Weg alle Autos, die vorher im Umfeld des Objekts geparkt hatten, verschwunden waren.
Zwei der Autos, die dort häufiger parken würden und auch an diesem Abend dort gewesen seien, konnte sie den Angeklagten Steinau und Keller zuordnen. Richtigerweise, wie der Vorsitzende Richter nach einem Abgleich der Kennzeichen feststellte. Die zerstörte Fensterscheibe sei ihr in der Nacht gar nicht aufgefallen.

Sie habe gewusst, dass in das ehemalige Bäckereigebäude in Ballstädt rechtsextreme BewohnerInnen eingezogen seien, wisse aber nichts genaueres. Dennoch sei ihre erste Befürchtung nach dem Anruf ihres Mannes gewesen, dass „die [Bewohner des Gelben Hauses] es nun doch gemacht hätten“ – denn sie wisse, dass anderswo Menschen [von Rechtsextremen] angegriffen oder zusammengeschlagen worden wären, habe aber nicht damit gerechnet, dass das in Ballstädt auch passieren könnte.

Die nächste Zeugin berichtete, dass sie die Feier gegen 00:30 Uhr verlassen habe. Auch ihr Mann sei bei der Feuerwehr, habe wegen der Sirene das Haus verlassen und sie kurz darauf angerufen um sie – sie sei Medizinische Fachangestellte – zu bitten, im Saal bei der Versorgung der Verletzten zu helfen. Sie bezeichnete ihren ersten Eindruck vom Tatort als „Blutbad“, die Scherben im Vorraum seien blutverschmiert gewesen und auch an den umgeworfenen Stühlen im Saal habe Blut geklebt. Mindestens einer der Geschädigten sei kaum ansprechbar, fast bewusstlos gewesen, die anderen Gäste hätten unter Schock gestanden. Die Rettungskräfte seien über ihre Hilfe angesichts der vielen Verletzten sehr dankbar gewesen.

Ihr seien vor Ort schnell einige rote Servietten aufgefallen, die wie ein Haufen auf dem Boden gelegen hätten – worüber sie sich sehr gewundert habe, denn bei der Feier selbst habe es nur blaue und braune Servietten gegeben. Die 23-Jährige zeigte sich in diesem Punkt sehr bestimmt und erklärte dem Vorsitzenden Richter gegenüber, sie habe am frühen Abend geholfen den Saal einzudecken und dabei seien blaue und braune Servietten verwendet worden, weil diese von der eigentlichen Kirmes übrig geblieben seien. Der Richter merkte an, sie könne nicht wissen dass diese roten Servietten im Prozess eine große Rolle spielen würden, da durch die Verteidigung wiederholt behauptet worden war dass der Stein, mit dem vermutlich die Scheibe im „Gelben Haus“ eingeworfen wurde, in eine rote Serviette eingewickelt gewesen sei. Dies sei, so der Vorsitzende Richter, jedoch „so nicht richtig“.
Als RA Waldschmidt danach fragte, warum ihr die roten Servietten in Erinnerung geblieben seien, nicht aber die weißen, die er auf den Tatortfotos der Polizei in der Akte erkennen könne, erklärte die Zeugin nach einem Blick auf das entsprechende Foto: bei den vermeintlichen weißen Servietten handele es sich um Verbandszeug und Papierhandtücher, die nach dem Überfall im Saal verwendet worden seien um die Verletzungen notdürftig zu versorgen.

Wie andere Zeugen zuvor und auch an diesem Verhandlungstag benannte der vierte Zeuge des Tages gleich zu Beginn seiner Aussage den Umstand, dass Tony Steinau und Christina H. sich am Abend nach der Feier im Saal erkundigt hatten. Ein Gast, der die Feier gegen 00:15 Uhr bereits verlassen hatte, kam noch einmal kurz zurück, um hiervon zu berichten. Er habe ein mulmiges Gefühl gehabt, weil Steinau und H. mit dem Auto direkt vor das Kulturhaus gefahren seien und gefragt hätten, was im Saal für eine Veranstaltung sei. Dies sei einigen Gästen merkwürdig vorgekommen, da die BewohnerInnen des Gelben Hauses überhaupt keine Anbindung an das Dorfleben hätten. Angst habe vor ihnen man vor dem Überfall jedoch nicht vor ihnen gehabt.

Der 26-Jährige beschrieb, er habe direkt an der Theke und damit in der Nähe derjenigen Gäste gestanden, die von dem ersten Unbekannten überraschend angegriffen wurden. Der Angreifer sei über 1,85m groß und kräftig gewesen, er habe einen schwarzen Pullover, Handschuhe mit Verstärkungen an den Fingerknöcheln und eine Skelett-Maske getragen und einen der Gäste so getroffen, dass dieser infolge des Schlages vom Stuhl gesackt sei. Ein anderer Gast habe versucht einzuschreiten und gefragt „was soll das“. Daraufhin sei es zu einer Rangelei gekommen, die er nicht genau habe sehen können, und einen Moment später sei dir Tür zum Saal aufgeflogen und 10 bis 15 weitere, fremde Personen hätten den Saal betreten. Die Gruppe sei geschlossen („in einer Masse“) die Treppe herauf gestürmt. In diesem Moment sei er in das Hinterzimmer geflohen und habe von dort einen Notruf abgesetzt.

Der Zeuge hatte (wie auch andere Zeugen im Gerichtssaal) in der polizeilichen Vernehmung zudem angegeben, der erste Angreifer habe einem schlafenden Gast einen Schlag verpasst. Daran konnte er sich nun jedoch nicht mehr erinnern. Vor allem Oberstaatsanwalt Kästner-Hengst war an den zwei Jahre zurückliegenden Aussagen interessiert und fragte nach Details, etwa ob der Zeuge sich noch erinnern könne, die Handschuhe des ersten Angreifers als „Handschuhe mit glänzenden Verstärkungen, etwa wie beim Motocross“ beschrieben, oder daran, die genaue Abfolge der Faustschläge gegen die ersten drei Geschädigten im Saal detailliert geschildert zu haben.
Der 26-Jährige konnte jedoch nur angeben, dass damals, kurz nach der Tat, gute und präzise Erinnerungen an den Ablauf gehabt habe.

Auf die Aufforderung des Oberstaatsanwaltes hin, sich die Angeklagten anzusehen und zu überlegen, wen er davon identifizieren könne, erkannte der Zeuge den Angeklagten Steinau sofort, den neben ihm sitzenden Mitangeklagten Pommer jedoch nicht, obwohl den Namen dem Gelben Haus zuordnen konnte.

Die nächste Zeugin sagte aus, sie habe den Angriff von einem Tisch an der Seite des Saales aus beobachten können. Gegen 02:30 Uhr sei ein etwa 1,90 bis 2,00m großer und trainierter Mann mit einer Skelett-Maske auf einen Gast losgegangen und habe diesen zu Boden geschlagen. Andere Gäste hätten versucht den Angreifer aus dem Saal zu drängen, sie selbst sei in Panik an diesen Gästen vorbei in die Küche gelaufen, die an das Vorzimmer des Saales angrenzt. Von dort aus habe sie das Klirren des berstenden Spiegels und dumpfe Geräusche von Auseinandersetzungen gehört, jedoch überhaupt keine sprachlichen Äußerungen.

Als nichts mehr zu hören gewesen sei, habe sie ihr Versteck verlassen und sei schockiert gewesen über das Ausmaß an Blut, Scherben und Verletzten. Ein Verletzter habe so stark geblutet, dass sie gefürchtet habe er würde in Lebensgefahr schweben. Die Polizei, die sie von der Küche aus gerufen habe, sei wenig später in Person von zwei Beamten erschienen, Verstärkung sei dann nach und nach eingetroffen.
Die Zeugin sagte auf Frage des Vorsitzenden Richters hin, sie könne sich definitiv nicht vorstellen, dass alle Verletzungen der Gäste von nur einem Angreifer verursacht worden sein könnten.

Sie habe von einem Gast, der nach eigener Aussage vor dem Haus die Flucht der Angreifer beobachtet hatte (siehe dessen eigene Aussage), erfahren dass die AngreiferInnen in Richtung Gelbes Haus geflohen seien und wisse aus den Medien, dass dort Rechtsextreme wohnen würden. Warum diese die Kirmesgesellschaft angreifen sollten, sei ihr aber nicht ersichtlich gewesen. Durch die Gewalterfahrung im eigenen Dorf gebe es jetzt bei jeder Feier in Ballstädt ein Gefühl der Angst.

Die vorletzte Zeugin des Tages hielt sich ihren Angaben zufolge ebenfalls in der Nähe der Bar auf, als ein großer, kräftiger und schwarz gekleideter Mann mit Handschuhen an den Händen den Saal betreten habe. Ihr erster Gedanke sei gewesen „hier stimmt etwas nicht“, kurz darauf habe der Unbekannte nach einem Fenster gefragt, was sie nicht verstanden habe, und dann einem Gast mit der rechten Faust ins Gesicht geschlagen, sodass dieser zu Boden ging. Sie sei wie aus einem Reflex aufgesprungen und wie die vorherige Zeugin in die Küche geflohen. Als sie diese wieder verlassen habe, habe im Vorraum ein Verletzter am Boden gelegen und überall seien Blut und Scherben gewesen. Der Angriff habe ihrem Gefühl nach recht lange gedauert.

Auch der letzte Zeuge, der Angaben zur Tatnacht machte, beschrieb den Ablauf sehr ähnlich. Er habe jedoch gesehen, wie der erste Angreifer mehrere Schläge gegen unterschiedliche Gäste ausgeführt habe, die ersten davon in der Nähe der Bar im Saal. Der Täter habe eine dunkle Cargohose und Handschuhe an den Händen getragen, eine Frage vor den Schlägen habe er nicht gehört.

Als weitere Personen die Treppe hoch gelaufen seien und eine davon einen Stuhl in den Spiegel im Vorraum geworfen habe, sei er selbst, so der 31-Jährige, ins Hinterzimmer gelaufen um dort Schutz zu suchen. Aus dem Saal habe er Lärm gehört und wenig später dort die Verwüstung, Scherben, Blut und mehrere Verletzte gesehen.

Als letzte Zeugin des Tages war Christina H. geladen, die jedoch, wie eingangs erwähnt, die Aussage verweigerte.

Die Verhandlung wird am kommenden Mittwoch, den 22.06., um 09:30 fortgesetzt. Dann vielleicht mit weiteren Informationen zu einem Brief, der in der JVA Goldlauter beschlagnahmt wurde und möglicherweise Hinweise auf einen noch unbekannten Mittäter enthält.

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