Hintergrund: Das „gelbe Haus“

Das sogenannte „gelbe Haus“, das alte Bäckereigebäude in der Hauptstraße in Ballstädt, steht im Zentrum der Berichterstattung über den Ballstädt-Prozess. Immerhin hatte einer der Täter direkt auf eine in dem Objekt beschädigte Fensterscheibe Bezug genommen, bevor er begann auf die Gäste der Kirmesgesellschaft einzuschlagen. Bereits vor dem Überfall war jedoch im Ort und darüber hinaus bekannt, welches Publikum das gelbe Haus nicht nur als Wohnraum, sondern auch als Szene-Location für Konzerte und andere Veranstaltungen nutzt.

Bereits vor dem Verkauf des Gebäudes, so berichtete die Bürgermeisterin von Ballstädt, habe der damalige Besitzer gedroht er werde an Neonazis verkaufen, sollten die Behörden nicht von ihrem Vorkaufsrecht gebrauch machen. Man verzichtete dennoch, wegen des Kaufpreises von 165.000 Euro und weil die Behörden nicht riskieren wollten, nach einem Präzedenzfall andernorts in ähnlicher Weise erpresst zu werden.

Gekauft wurde das Objekt Ende August 2013 von Andre Keller, einem der Angeklagten im Ballstädt-Verfahren, und Steffen M. – letzterer konnte jedoch nicht in das Haus einziehen, da er in Österreich im Verfahren gegen das rechtsextreme Netzwerk „Objekt 21“ verurteilt wurde und eine mehrjährige Haftstrafe antreten musste. Bei Hausdurchsuchungen im Zusammenhang mit diesem Verfahren wurde in den Neonazi-Häusern in Crawinkel und Ballstädt unter anderem mehrere Schusswaffen sichergestellt. .

Die Angeklagten Thomas Wagner und Tony Steinau gehören darüber hinaus zur Band SKD (Sonderkommando Dirlewanger, benannt nach einem NS-Kriegsverbrecher) beziehungsweise deren Umfeld und gehörten damit bereits zur Personengruppe um die „Hausgemeinschaft Jonastal“ (abgekürzt „HJ“) in Crawinkel und von Anfang an zu den Nutzern der neuen Immobilie in Ballstädt. In den vergangenen Jahren wurde der Gruppe unter anderem ein Kugelbombenangriff auf ein alternatives Hausprojekt in Gotha zugeschrieben; auf einem Foto bei Facebook posierte man unter dem Label „NSU reloaded“ mit Anscheinwaffen. Eine Affinität zu auch scharfen Schusswaffen reicht bei den Gothaer Neonazis weit zurück, galt Thomas Wagner den Ermittlungsbehörden doch bereits 1997 als eine der zentralen Figuren hinter einem bei Gotha ausgehobenen Wehrsportlager. Auch hier wurden neben NS-Devotionalien diverse Waffen und Ausrüstungsgegenstände gefunden

Selbst nach dem Überfall auf die Kirmesgesellschaft wurde das gelbe Haus weiter für Veranstaltungen genutzt. So löste die Polizei etwa im Dezember 2014 ein als private Weihnachtsfeier getarntes Rechtsrock-Konzert mit 100 Neonazis aus verschiedenen Bundesländern auf. Dabei wurden unter anderem Tonträger beschlagnahmt, deren Verkauf wohl die Angeklagten finanziell unterstützen sollte. Das von Thomas Wagner geführte Label Frontschwein Records, über das häufig auch Karten für weitere „Soli-Konzerte“ in anderen Immobilien – unter anderem in der „Erlebnisscheune“ Kirchheim, als Location eine feste Größe für Neonazi-Konzerte – zu erwerben waren, ist im übrigen im gelben Haus gemeldet.

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